Kurz gesagt: Eine Knieprothese kommt infrage, wenn eine fortgeschrittene Arthrose vorliegt, die Beschwerden trotz geeigneter Behandlung anhalten und Ihre Lebensqualität dadurch deutlich eingeschränkt ist. Einen festen Zeitpunkt, der für alle Patienten gleich gilt, gibt es nicht – die Entscheidung ist immer individuell.
Ob ein künstliches Kniegelenk notwendig oder sinnvoll ist, lässt sich nicht allein anhand eines Röntgenbildes beantworten. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus dem Ausmaß der Arthrose, Ihren Beschwerden, der Einschränkung im Alltag und dem Erfolg der bisherigen Behandlung.
Ich sehe häufig Patienten in meiner Ordination, die glauben, sofort eine Prothese zu brauchen, nur weil im Röntgenbefund ein fortgeschrittener Knorpelschaden steht. Die Entscheidung ist aber differenzierter. Dieser Artikel soll Ihnen zeigen, welche Faktoren dabei wirklich eine Rolle spielen.
Die drei wichtigsten Fragen
Bei der Entscheidung für oder gegen eine Knieprothese sind aus meiner Sicht drei Fragen entscheidend:
- Wie weit ist die Arthrose fortgeschritten?
- Wie stark beeinträchtigt Sie Ihr Knie im Alltag?
- Was wurde bisher versucht – und wie gut hat es geholfen?
Erst wenn man diese drei Punkte gemeinsam betrachtet, lässt sich sinnvoll beurteilen, ob eine Knieprothese bereits infrage kommt.
1. Wie weit ist die Arthrose fortgeschritten?
Die häufigste Ursache für eine Knieprothese ist eine fortgeschrittene Kniegelenksarthrose (Gonarthrose): Der Gelenkknorpel wird dünner und kann schließlich weitgehend verloren gehen. Zusätzlich verändern sich Knochen und andere Gelenkstrukturen.
Wie weit die Arthrose fortgeschritten ist, zeigt in der Regel eine Röntgenaufnahme unter Belastung.
Das Röntgenbild allein entscheidet aber nicht: Manche Patienten kommen trotz stark fortgeschrittener Arthrose im Alltag gut zurecht und haben nur geringe Beschwerden – hier besteht allein aufgrund des Befundes keine Operationsindikation. Andere haben trotz eines weniger ausgeprägten Röntgenbefundes erhebliche Beschwerden.
Man operiert nicht das Röntgenbild, sondern den Patienten.
2. Wie stark beeinträchtigt Sie Ihr Knie im Alltag?
Für die Entscheidung ist Ihre Lebensqualität von zentraler Bedeutung. Typische Beschwerden bei fortgeschrittener Kniearthrose:
- Schmerzen beim Gehen oder bei Belastung
- eine deutlich eingeschränkte Gehstrecke
- Schwierigkeiten beim Treppensteigen
- Probleme beim Aufstehen oder Hinsetzen
- Einschränkungen bei Sport und anderen Aktivitäten
- Ruhe- oder Nachtschmerzen
- abnehmende Beweglichkeit
- Instabilitätsgefühl
- zunehmende Fehlstellung des Beines
Dabei zählt nicht nur die Schmerzstärke auf einer Skala von 0 bis 10, sondern auch, wie oft die Beschwerden auftreten und wie stark sie Ihren Alltag einschränken. Für eine Person ist es vielleicht akzeptabel, keine langen Wanderungen mehr zu unternehmen – für eine andere bedeutet genau das einen erheblichen Verlust an Lebensqualität.
Was möchten Sie mit Ihrem Knie wieder machen können? Längere Spaziergänge, Radfahren, Wandern, Sport, Ihren Beruf ohne größere Einschränkungen ausüben? Die Antwort hilft, den tatsächlichen Leidensdruck besser einzuschätzen.
Machen Sie sich Gedanken zu dieser Frage und versuchen Sie, Ihre Situation sowie Ihre Wünsche und Ziele möglichst genau zu benennen. Je klarer das ist, desto besser können wir gemeinsam einen passenden Therapieplan erstellen und entscheiden, ob eine Prothesenversorgung bereits sinnvoll ist.
3. Was wurde bisher versucht?
Bevor eine Knieprothese in Betracht gezogen wird, sollten in der Regel zunächst geeignete konservative Behandlungsmöglichkeiten – also alle Maßnahmen ohne Operation – ausgeschöpft werden, zum Beispiel:
- Bewegungstherapie und Physiotherapie
- Anpassung von Belastung und Bewegung
- Gewichtsreduktion bei bestehendem Übergewicht
- entzündungshemmende Schmerzmittel, sofern individuell geeignet
- gezielte Injektionen, z. B. mit Kortison
- Hyaluronsäure- oder ACP-Therapie
- weitere individuell geeignete Maßnahmen
Es gibt keine feste Liste, die jeder Patient vollständig durchlaufen muss. Entscheidend ist vielmehr: Hat eine individuell passende konservative Behandlung zu einer ausreichenden Verbesserung geführt?
Wenn ja und Sie Ihren Alltag zufriedenstellend bewältigen, besteht trotz ausgeprägter Arthrose möglicherweise kein Grund für eine Operation. Bleiben die Beschwerden trotz geeigneter Behandlung bestehen und schränken Ihre Lebensqualität deutlich ein, gewinnt die Frage nach einer Operation zunehmend an Bedeutung.
Mit einer gut abgestimmten konservativen Therapie lässt sich die Situation vieler Patienten spürbar verbessern – teilweise können wir die Prothesenversorgung so über Jahre hinauszögern. In manchen Fällen ist eine rasche Operation jedoch die sinnvollste Therapieform.
Wann ist eine Knieprothese sinnvoll?
Eine Knieprothese kann sinnvoll sein, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: eine fortgeschrittene Arthrose, anhaltende und relevante Beschwerden, eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität und keine ausreichende Besserung durch eine geeignete konservative Behandlung.
Das ist keine mathematische Formel – es gibt keinen einzelnen Wert, ab dem automatisch eine Knieprothese notwendig wird. Die Entscheidung ergibt sich aus der Gesamtsituation des Patienten.
Muss man warten, bis die Schmerzen unerträglich sind?
Nein – das ist ein häufiges Missverständnis. Eine Knieprothese sollte nicht erst dann diskutiert werden, wenn ein Patient kaum mehr gehen kann oder Tag und Nacht Schmerzen hat. Genauso wenig sollte allein ein stark verändertes Röntgenbild zur Operation führen.
Entscheidend ist der Zeitpunkt, an dem die Beschwerden so relevant werden, dass eine Operation im Verhältnis zu Risiken und Belastungen einen relevanten Nutzen erwarten lässt. Auch persönliche Ziele und Erwartungen spielen dabei eine Rolle.
Ein weiteres häufiges Missverständnis ist die Annahme, es gäbe starre Altersgrenzen. Weder „zu jung“ noch „zu alt“ gibt es hier pauschal – entscheidend ist immer das Zusammenspiel individueller Faktoren.
Welche Rolle spielt das Röntgenbild?
Das Röntgenbild ist ein wichtiger Baustein der Beurteilung, aber nur einer von mehreren. Bei der Beurteilung berücksichtige ich unter anderem:
- die Beschwerden
- die klinische Untersuchung
- die Einschränkung im Alltag
- die Röntgenbefunde
- bisherige Behandlungen und deren Erfolg
- persönliche Ziele und Erwartungen
Ich arbeite dabei nach einem standardisierten Schema: Anamnesegespräch, körperliche Untersuchung, Bildgebung (z. B. Röntgen), Befundbesprechung und gemeinsame Therapieplanung – offene Kommunikation ist dabei immer die Grundlage.
Welche Knieprothese ist die richtige?
Nicht jeder Patient benötigt dieselbe Art von Prothese. Je nach Ausmaß und Verteilung der Arthrose kommen unterschiedliche Verfahren infrage, z. B. eine Teilprothese (Schlitten- bzw. Halbschlittenprothese) oder eine Knie-Totalendoprothese (Knie-TEP). Welche Lösung geeignet ist, hängt unter anderem davon ab, welche Bereiche des Kniegelenks betroffen sind, wie die Bandverhältnisse sind und welche weiteren Veränderungen vorliegen.
Ist nur ein Teil des Kniegelenks betroffen – etwa die Innenseite –, wird auch nur dieser Teil ersetzt: die Teilprothese (Schlittenprothese). Dabei bleiben die Kreuzbänder erhalten, ein natürlicher Bewegungsablauf ist oft möglich. Sind größere Anteile des Gelenks betroffen, ist die Totalendoprothese meist die bessere Wahl.
Was sagen die aktuellen Empfehlungen?
Die Entscheidung für eine Knieprothese sollte sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Empfehlungen der Fachgesellschaften orientieren. Diese unterstützen den Grundsatz, dass die Entscheidung nicht anhand eines einzelnen Befundes, sondern immer unter Berücksichtigung der individuellen Gesamtsituation getroffen werden sollte. [1][2]
Mein Fazit
Eine Knieprothese ist nicht allein deshalb notwendig, weil das Röntgenbild eine ausgeprägte Arthrose zeigt. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus dem Ausmaß der Gelenkveränderungen, Ihren Beschwerden, Ihrer Einschränkung im Alltag und dem Erfolg der bisherigen Behandlung.
Liegt eine fortgeschrittene Kniearthrose vor und beeinträchtigen die Beschwerden trotz geeigneter konservativer Behandlung Ihre Lebensqualität deutlich, kann eine Knieprothese eine sehr gute Behandlungsoption sein. Der richtige Zeitpunkt ist dabei immer individuell.
Es geht nicht darum, möglichst lange zu warten – aber auch nicht darum, allein aufgrund eines Röntgenbildes zu operieren. Entscheidend ist, welche Beschwerden Sie haben, was Sie im Alltag wieder erreichen möchten und ob eine Knieprothese Ihnen voraussichtlich einen relevanten Nutzen bringt.
Mir ist wichtig, dass Sie meinen Entscheidungsprozess verstehen. Je genauer Sie mir schildern, was Sie im Alltag einschränkt und welches Aktivitätsniveau Sie nach einer Operation wieder erreichen möchten, desto realistischer können wir gemeinsam einen passenden Therapieplan erstellen.
Quellen und weiterführende Informationen:
- AWMF – Leitlinie Prävention und Therapie der Gonarthrose: AWMF-Leitlinie „Prävention und Therapie der Gonarthrose“
- AWMF – Leitlinie zur Indikation der Knieendoprothese: AWMF-Leitlinie „Indikation der Knieendoprothese“

Dr. Lorenz Pötz
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Spezialist für Knie und Hüfte
Wann ist eine persönliche Beurteilung sinnvoll?
Wenn Sie unsicher sind, welche Behandlung für Ihre Beschwerden die richtige ist, lohnt sich ein persönliches Gespräch in meiner Ordination in Wien. Dort können wir Beschwerden, klinische Untersuchung, vorhandene Röntgenbilder und bisherige Behandlungen gemeinsam beurteilen und die verschiedenen Möglichkeiten besprechen.